Der Sport befindet sich nicht nur seit den Olympischen Winterspielen 2014 in Sochi in einem Schnittfeld zwischen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. In einem gewissen Maße vereint er alle Komponenten und ist – wie es so schön heißt – ein Spiegelbild des Lebens. Man denke an die Nazi-Spiele 1936, an die Boykottspiele 1980, an die Boykott- und Kommerz-Spiele 1984, an Peking 2008 oder eben Sochi 2014. Der Sport trägt ist völkervereinigend – eine gesellschaftspolitische Verantwortung, die von seinen höchsten Repräsentanten auch gar nicht abgestritten wird. Kann sie auch gar nicht. Das Internationale Olympische Komitee besitzt seit 2009 Beobachterstatus an der UNO. Der IOC-Präsident wird behandelt und empfangen wie ein Staatschef.

Der Sport, beziehungsweise deren Hüter, befindet/befinden sich in einem schönen Dilemma. Aus der gesellschaftlichen Verantwortung stehlen kann und will er sich nicht. Und dennoch gehen nicht alle Sport-Chefs, nun ja: kohärent mit jenen Thematiken um, die die Welt im 21. Jahrhundert antreibt.

Was in Sochi geschehen ist im Vorfeld der Spiele, ist heute noch eines Hinterfragens würdig. Und die Fragen beginnen dabei nicht im Winter 2013/14, sondern immer noch sieben Jahren zuvor, als Russland die Spiele zugesprochen erhielt. Was in Sochi an Umweltsünden begangen wurden, wäre in Mitteleuropa kaum vorstellbar – auch FIS-Präsident Gian Franco Kasper erwähnte, dass dort, was in den Alpen in 150 Jahren realisiert worden war, in sieben Jahren geleistet wurde. Und dennoch ist es falsch, mit erhobenem Zeigefinger auf fehlende Nachhaltigkeit zu verweisen. Schon klar: sehr viele Sportpaläste und viele Sportstätten werden kaum mehr genutzt. Weltcup-Skisprungevents in RusSki Gorki sind ausgeschlossen, Weltcup-Biathlonbewerbe in Laura gab es auch keine. Aber Hand aufs Herz: Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit vergangener Olympischer Wettkampfstätten aus? Die Schanzen in Whistler (2010) werden für nationale Wettbewerbe genutzt. Die Anlagen in Pragelato (2006) waren von 2009 bis 2013 außer Betrieb. Lediglich auf den (modernisierten) Anlagen in Lillehammer (1994), Innsbruck (1964, 1976), Oslo (1952), Garmisch-Partenkirchen (1936) wird im Weltcup agiert. In anderen Sportarten sieht die Statistik auch nicht recht viel anders aus.

Krass formuliert: Im 21. Jahrhundert geht es weniger um Nachhaltigkeit, sondern um Geschäftemacherei. Der Sport ist ein immenser Wirtschaftszweig, der direkt und indirekt Milliarden über Milliarden (Euro oder Dollar oder Pfund oder Rubel) bewegt. Die Spiele in Sochi sollen – all inclusive – 50.000.000.000 USD gekostet haben, mit Infrastrukturleistungen, von denen die Einwohner der Bergstadt Krasnaya Polyana selbst nicht wussten, ob sie Sinn machten. Doch egal, Unternehmen aus Mittel- und Osteuropa haben ihr Business gemacht, Korruption wird da und dort wohl auch Geld zum Versickern gebracht haben, und nun zieht die Karawane weiter. Next Stop: Brazil 2016. In wenigen Monaten!

Geld regiert die Welt. Hat es immer schon. Und soll so sein, meinetwegen. Jeder profitiert – die Organisatoren und die Ausrichter und das veranstaltende Land und vielleicht auch die Medienunternehmen, die sich die Übertragungsrechte sichern. Halt! Fast jeder profitiert. Die Protagonisten des Spektakels, die Sportler, gehen leer aus. Dürfen nicht für ihre eigenen Sponsoren werben, müssen für Ruhm und Ehre antreten und darauf hoffen, eventuelle sportliche Erfolge danach versilbern zu können. Das passt irgendwie nicht in das Bild der Wirtschaft. Nirgendwo anders muss ein Dienst gratis angeboten werden, damit man – mit dem gemachten Namen – irgendwo anders doppelt oder dreifach abcashen kann.

Ein Olympiasieger vollbringt eine Leistung auf körperlichem und mentalem Gebiet, die nicht hoch genug bewertet werden kann. Sie sollte dementsprechend honoriert werden, sagen wir: mit einer Million (Euro oder Dollar oder Pfund, eher nicht Rubel), nach dem Motto „The winner takes it all“. Pech haben Olympiasieger in Mannschaftssportarten, die müssten teilen.

99 Sieger gab es in Sochi. Macht 99 Millionen. Die Rücklagen des IOC liegen bei knapp 700 Millionen Euro. Die Siegerpreise gingen sich ja locker aus.

Doch abseits jeglichen Populismus würde eine Aktion, die die Leistung der Athleten und Athletinnen bei Olympia monetär würdigt, dem Internationalen Olympischen Komitee Glaubwürdigkeit in Kernkriterien zurückbringen. Warum leugnen, was ohnehin offensichtlich ist? Und wenn wirtschaftliche Themen zur Zufriedenheit aller behandelt worden sind, könnte man sich auch um die politischen kümmern.

Der Sport
befindet sich nicht nur
seit den

 

Olympischen Winterspielen 2014 in Sochi in einem Schnittfeld zwischen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. In einem gewissen Maße vereint er alle Komponenten und ist – wie es so schön heißt – ein Spiegelbild des Lebens. Man denke an die Nazi-Spiele 1936, an die Boykottspiele 1980, an die Boykott- und Kommerz-Spiele 1984, an Peking 2008 oder eben Sochi 2014. Der Sport trägt ist völkervereinigend – eine gesellschaftspolitische Verantwortung, die von seinen höchsten Repräsentanten auch gar nicht abgestritten wird. Kann sie auch gar nicht. Das Internationale Olympische Komitee besitzt seit 2009 Beobachterstatus an der UNO. Der IOC-Präsident wird behandelt und empfangen wie ein Staatschef.

Der Sport, beziehungsweise deren Hüter, befindet/befinden sich in einem schönen Dilemma. Aus der gesellschaftlichen Verantwortung stehlen kann und will er sich nicht. Und dennoch gehen nicht alle Sport-Chefs, nun ja: kohärent mit jenen Thematiken um, die die Welt im 21. Jahrhundert antreibt.

 

Was in Sochi ge- schehen ist im Vorfeld der Spiele,

 

ist heute noch eines Hinterfragens würdig. Und die Fragen beginnen dabei nicht im Winter 2013/14, sondern immer noch sieben Jahren zuvor, als Russland die Spiele zugesprochen erhielt. Was in Sochi an Umweltsünden begangen wurden, wäre in Mitteleuropa kaum vorstellbar – auch FIS-Präsident Gian Franco Kasper erwähnte, dass dort, was in den Alpen in 150 Jahren realisiert worden war, in sieben Jahren geleistet wurde. Und dennoch ist es falsch, mit erhobenem Zeigefinger auf fehlende Nachhaltigkeit zu verweisen. Schon klar: sehr viele Sportpaläste und viele Sportstätten werden kaum mehr genutzt. Weltcup-Skisprungevents in RusSki Gorki sind ausgeschlossen, Weltcup-Biathlonbewerbe in Laura gab es auch keine. Aber Hand aufs Herz: Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit vergangener Olympischer Wettkampfstätten aus? Die Schanzen in Whistler (2010) werden für nationale Wettbewerbe genutzt. Die Anlagen in Pragelato (2006) waren von 2009 bis 2013 außer Betrieb. Lediglich auf den (modernisierten) Anlagen in Lillehammer (1994), Innsbruck (1964, 1976), Oslo (1952), Garmisch-Partenkirchen (1936) wird im Weltcup agiert. In anderen Sportarten sieht die Statistik auch nicht recht viel anders aus.

Krass formuliert: Im 21. Jahrhundert geht es weniger um Nachhaltigkeit, sondern um Geschäftemacherei. Der Sport ist ein immenser Wirtschaftszweig, der direkt und indirekt Milliarden über Milliarden (Euro oder Dollar oder Pfund oder Rubel) bewegt. Die Spiele in Sochi sollen – all inclusive – 50.000.000.000 USD gekostet haben, mit Infrastrukturleistungen, von denen die Einwohner der Bergstadt Krasnaya Polyana selbst nicht wussten, ob sie Sinn machten. Doch egal, Unternehmen aus Mittel- und Osteuropa haben ihr Business gemacht, Korruption wird da und dort wohl auch Geld zum Versickern gebracht haben, und nun zieht die Karawane weiter. Next Stop: Brazil 2016. In wenigen Monaten!

Geld regiert die Welt. Hat es immer schon. Und soll so sein, meinetwegen. Jeder profitiert – die Organisatoren und die Ausrichter und das veranstaltende Land und vielleicht auch die Medienunternehmen, die sich die Übertragungsrechte sichern. Halt! Fast jeder profitiert. Die Protagonisten des Spektakels, die Sportler, gehen leer aus. Dürfen nicht für ihre eigenen Sponsoren werben, müssen für Ruhm und Ehre antreten und darauf hoffen, eventuelle sportliche Erfolge danach versilbern zu können. Das passt irgendwie nicht in das Bild der Wirtschaft. Nirgendwo anders muss ein Dienst gratis angeboten werden, damit man – mit dem gemachten Namen – irgendwo anders doppelt oder dreifach abcashen kann.

 

Ein Olympiasieger vollbringt eine Leistung

 

auf körperlichem und mentalem Gebiet, die nicht hoch genug bewertet werden kann. Sie sollte dementsprechend honoriert werden, sagen wir: mit einer Million (Euro oder Dollar oder Pfund, eher nicht Rubel), nach dem Motto „The winner takes it all“. Pech haben Olympiasieger in Mannschaftssportarten, die müssten teilen.
99 Sieger gab es in Sochi. Macht 99 Millionen. Die Rücklagen des IOC liegen bei knapp 700 Millionen Euro. Die Siegerpreise gingen sich ja locker aus.
Doch abseits jeglichen Populismus würde eine Aktion, die die Leistung der Athleten und Athletinnen bei Olympia monetär würdigt, dem Internationalen Olympischen Komitee Glaubwürdigkeit in Kernkriterien zurückbringen. Warum leugnen, was ohnehin offensichtlich ist? Und wenn wirtschaftliche Themen zur Zufriedenheit aller behandelt worden sind, könnte man sich auch um die politischen kümmern.

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